Einen Rinpoche treffen
„Rinpoche“ bedeutet „der Kostbare“ – ein Titel, der reinkarnierten Lamas verliehen wird, die als Wiedergeburt großer Meister anerkannt sind. Einen zu treffen ist eine tiefe Segnung, erfordert aber die Kenntnis der richtigen Protokolle.
Wer sind die Rinpoches?
Bhutan hat mehrere Linien reinkarnierter Meister:
- Der Je Khenpo - Oberster Abt von Bhutan (höchste religiöse Autorität)
- Die Tertoens - Schatz-Offenbarer (Pema Lingpa Linie)
- Die Trulkus - Reinkarnierte Lamas aus verschiedenen Klöstern
- Die Khenpos - Äbte und Gelehrte (nicht reinkarniert, aber hochgeachtet)
Wie man eine Audienz erbittet
Schritt 1: Die richtige Verbindung finden
Man kann nicht einfach hineingehen. Sie benötigen:
- Eine lokale Vorstellung - Ihr Reiseleiter oder Reiseveranstalter kann anfragen
- Einen konkreten Anlass - „Segenswunsch für eine sichere Reise“ oder „Unterweisung in Meditation“
- Den richtigen Zeitpunkt - Nicht während Rückzugsperioden, nicht während Prüfungen
Schritt 2: Opfergaben vorbereiten
Kommen Sie niemals mit leeren Händen. Übliche Opfergaben:
- Kata (zeremonieller Schal) - Weißer Seidenschal, ca. 1 Meter
- Geldspende - In einem Umschlag, angemessen zu Ihren Möglichkeiten (typisch: Nu 500-5.000)
- Butterlampen-Opfer - Im Kloster vorab bezahlen, typischerweise Nu 50-100 pro Lampe
- Obst oder Süßigkeiten - Frisch, nicht verpackt
Schritt 3: Das Begegnungsprotokoll
Beim Eintreten:
- Schuhe vor dem Betreten des Raumes ausziehen
- Mit gefalteten Händen in Gebetshaltung nahen
- Sich leicht verneigen, den Kopf geneigt
- Die Kata mit BEIDEN Händen überreichen, Arme ausgestreckt
- Der Rinpoche wird den Schal nach der Segnung zurückgeben
Während der Audienz:
- Im Schneidersitz sitzen, wenn möglich (wenn nicht, Füße hinten anwinkeln)
- Niemals die Füße in Richtung des Rinpoche richten
- Mehr zuhören als sprechen
- Alles annehmen, was angeboten wird (Tee, gesegnetes Obst, Schnur)
Beim Gehen:
- Ein paar Schritte rückwärts treten, bevor man sich dreht
- Dem Rinpoche nicht direkt den Rücken zukehren
- Den zurückgegebenen Schal um den Hals oder über die Schultern legen
Was man fragen sollte – und was NICHT
Geeignete Fragen:
- „Bitte segnen Sie meine Familie mit Gesundheit und Glück“
- „Welche Praxis würden Sie jemandem wie mir empfehlen?“
- „Wie kann ich Mitgefühl im täglichen Leben kultivieren?“
- „Bitte segnen Sie die Reise, die ich antrete“
Ungeeignete Fragen:
- „Wann werde ich Liebe/Geld/Erfolg finden?“ (Das ist Wahrsagerei, nicht Dharma)
- „Sind Sie wirklich eine Reinkarnation?“ (Respektlos)
- „Kann ich ein Selfie mit Ihnen machen?“ (Unangemessen, es sei denn, es wurde vorher ordnungsgemäß erbeten)
Die Segnung, die Sie erhalten werden
Die meisten Rinpoches werden:
- Die Kata über Ihre Schultern legen, nachdem sie sie an ihre Stirn gehalten haben
- Ihnen eine Schutzschnur geben (srung sku) zum Tragen um Hals oder Handgelenk
- Ein mündlicher Segen spezifisch für Ihre Situation
- Manchmal gesegnete Gegenstände geben – Pillen, Wasser oder kleine Relikte
Authentische Möglichkeiten finden
Legitime Wege zum Treffen:
- Während Tshechu-Festivals – Rinpoches erteilen oft öffentliche Segnungen
- Über Klosteranfrage – Ihr Reiseleiter reicht ein Anschreiben ein
- Bei Lehr-Retreats – Einige Klöster halten öffentliche Unterweisungen
- Bei besonderen Zeremonien – Hochzeiten, Haussegnungen, Beerdigungen
Warnsignale – vermeiden Sie:
- „Rinpoches“, die Festpreise für Segnungen verlangen
- Jeden, der materielle Vorteile garantiert
- Klöster, die keine Ausweise vorlegen wollen
Die Bedeutung der Segnung
Im bhutanischen Buddhismus ist die Segnung eines Rinpoche keine übernatürliche Kraft. Es geht um:
- Übertragung der Linie – Sie verbinden sich mit Jahrhunderten der Praxis
- Das Herz öffnen – Die Gegenwart eines verwirklichten Meisters beeinflusst Ihren Geist
- Erinnerung an Ihr Potenzial – Sie besitzen bereits die Buddha-Natur
Die Segnung wirkt wie ein Spiegel – sie zeigt Ihnen Ihre eigene Kapazität für Weisheit und Mitgefühl.
Nach dem Treffen
- Tragen Sie die gesegnete Schnur, bis sie von selbst abfällt
- Bewahren Sie den zurückgegebenen Schal an einem sauberen, erhabenen Ort in Ihrem Zuhause auf
- Praktizieren Sie, was gelehrt wurde – Die wahre Segnung liegt in der Anwendung der Lehre
- Bringen Sie jährlich Opfergaben in das Kloster – Hält die Verbindung aufrecht
